Sind Ego-Shooter für Amokläufe verantwortlich?

„Bluttat von Winnenden: Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel“1

Schlagzeilen wie diese findet man immer öfter in den Nachrichten. Nicht nur aus dem Grund, dass die Zahl der Amokläufe generell stetig steigt2, sondern auch weil sich Theorien zur Ursache von Amokläufen häufen. In disem Zusammenhang tauchen die Stichwörter „Killerspiele“ und „Ego-Shooter wiederkehrend auf.

Bevor ich jedoch einige Argumente von Personen die sich mit der Thematik befassen präsentiere, möchte ich diese Wörter zunächst erklären:
Der Duden definiert den Begriff „Ego-Shooter“ als Computer- oder Videospiel, bei dem der Spieler in der Rolle der Spielfigur (bewaffnet) gegen einen Gegner kämpt. „Killerspiele“ laufen laut Duden ähnlich ab, jedoch liegt hier ganz klar der Fokus auf der Tötung des Gegners.
Persönlich finde ich, dass im Wort „Killerspiel“ eine negative Wertung mitschwingt und sich die Begriffe sonst kaum unterscheiden. Aus diesem Grund werde ich in meinem Blog den neutralen Begriff „Ego-Shooter“ verwenden.

Und jetzt zu den Argumenten…
Wie oben in der Schlagzeile erkennbar berichtet der Spiegel, dass der Amokläufer von Winnenden regelmäßig Ego-Shooter konsumierte und diese (Mit-)Auslöser für seine Tat waren.3 Auch aus anderen Quellen, so z.B. aus einem Statement der Senatorin der USA Dianne Feinstein geht hervor, dass womöglich ein Zusammenhang zwischen Ego-Shootern und Amokläufen besteht: “Ich denke, dass die wirklich brutalen Spiele zu einer Art Simulator werden, auf dem geübt werden kann. Der Spieler wird viel vertrauter mit dem Anblick von Tod und Blut.”4

Aufgrund solcher medialer Aussagen, ensteht allgemein ein Bild von Ego-Shootern, als gewaltauslösende und sogar gewaltfördernde Beschäftigungen. So hat sich eine heiße Debatte um das Thema entfacht. Sogar ein allgemeines Verbot von Ego-Shootern wird disktutiert. Die Frage ob Menschen, die Ego-Shooter konsumieren tatsächlich potenziell eher dazu neigen einen Amoklauf zu initialisieren, steht hierbei im Vordergrund.

Im Fokus der Untersuchungen stehen meist männliche Jugendliche. Der Spiegel beschreibt den typischen Amokläufer folgendermaßen: „In der Regel verbergen sich dahinter narzisstische Persönlichkeiten, die beziehungsgestört und leicht kränkbar sind. Sie sind sehr bemüht, sich anzupassen. Zugleich haben sie ganz genaue, hochstrebende Vorstellungen von sich selber, die mit der Wirklichkeit überhaupt nicht übereinstimmen. Diese Menschen erleiden deshalb eine Kränkung nach der anderen (…). Die Schmach wühlt und wühlt in ihnen, bis sie irgendwann gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Welt losschlagen.“5
Aus der Beschreibung geht u.a. hervor, dass Amokläufer häufig ein Selbstbild haben, welches nicht der Wirklichkeit entspricht. Doch wie entsteht eine so realitätsfernes Bild der eigenen Persönlichkeit? Können Ego-Shooter etwas damit zutun haben?

Das Infocafé.org, welches sich es zur Aufgabe gemacht hat, Orientierung in virtuellen Welten zu geben, sieht hier den Zusammenhang, dass Computerspiele und insbesondere Ego-Shooter einen geschützten Raum darstellen, der es seinen Nutzern ermöglicht aus der realen Welt zu entfliehen und sich gleichzeitig innerhalb der virtuellen Welt eine Identität aufzubauen. In dieser virtuellen Welt können z.B. auch Spielsituationen wie Schießereien und Überfälle erprobt werden.6
Der Hirnforscher Manfred Spritzer sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Gewaltpotenzial in Ego-Shooter Spielen und dem in der realen Welt: „(…)Was wir aber wissen, ist, dass das Spielen solcher Spiele zur Abstumpfung gegenüber realer Gewalt in der mitmenschlichen Umgebung führt und dass die eigene Gewaltbereitschaft zunimmt“7 Hier wird innerhalb eines geschützten Raumes der virtuellen Welt des Computerspiels, reale Gewalt geübt. So stellt die Übertragung auf die reale Welt nur noch eine geringe Hürde dar.

Nun gibt es aber auch noch die Kehrseite der Medaille:
Verschiedene Studien belegen nämlich, dass Ego-Shooter gar kein Grund für Amokläufe sein könnnen; Hingegen wird die Sichtweise hier umgekehrt:
Wir haben festgestellt, dass gewalttätige Computerspiele die Kinder nicht aggressiver machen, sondern dass aggressive Kinder zu gewalttätigen Computerspielen tendieren.” Dieses Statement stammt von Caroline Oppl, die Leiterin der Studie Computerspiele mit und ohne Gewalt. Auswahl und Wirkung bei Kindern“ der Freien Universität Berlin.8 Kinder und Jugendliche tendieren also nur dazu Ego-Shooter zu konsummieren, wenn bereits agressive Züge und Denkweisen in ihnen vorhanden sind.Den gleichen Ansatz hat Bernd Graff, Redakteur für die Süddeutsche Zeitung. Er formuliert hier meiner Meinung nach treffend: „Computerspiele sind ein Symptom, nicht die Ursache.“9 Desweiteren zählt er Beispiele für Amokläufe auf, deren Täter keinen Bezug zu Ego-Shootern hatten. Dies nutzt er als weiteres Argument und setzt sich so von den Gegnern von Ego-Shootern ab:

„Amoklauf von Eching und Freising, 19. Februar 2002, Bayern: Erwähnung, dass keine Computerspiele gefunden wurden.

Amoklauf von Emsdetten, 20. November 2006 in der Geschwister-Scholl-Real-schule, Emsdetten (NRW). Der Täter galt als Fan von sogenannten Killerspielen.

Amoklauf von Winnenden, 11. März 2009 in der Albertville-Realschule, Winnenden, nahe Stuttgart. Auch hier wurden Killerspiele gefunden.

Amoklauf von Ansbach, 17. September 2009 am Gymnasium Carolinum in Ansbach, Mittelfranken. Es wurden keine gewalthaltigen Computerspiele gefunden.

Im Verlaufe des Diskurses um den Zusammenhang von Ego-Shootern und Amokläufen tauchte mehrfach folgendes Poster auf:


http://www.lan-shooters-neusath.de/wp-content/uploads/2009/03/brot.jpg

Dieses will auf satirische Weise zeigen, dass Gegner von Ego-Shootern, eine zu einseitige und zu starre Sicht auf die Thematik haben. Der Amerikaner Christopher Ferguson fasste die Thematik folgendermaßen zusammen: „Gewalthaltige Computerspiele für den Massenmord eines jungen Mannes verantwortlich zu machen, ist genauso sinnvoll, wie das Töten auf die Tatsache zu schieben, dass er vielleicht Turnschuhe getragen hat.“1

Meiner Meinung nach, muss sich jeder indivuell mit dem Thema auseinandersetzen um sich so ein eigenes Bild von Ego-Shootern zu machen. Abgesehen von der Frage ob Ego-Shooter nun gewalt- und womöglich noch amokfördernd sind, stellt gewissenhafte und jugendgerechte Prävention in meinen Augen eine sinnvolle Lösung dar. So müssten Ego-Shooter nicht grundsätzlich verboten werden (was, so finde ich, ein Eingriff in die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte wäre). Stattdessen würde Kindern und Jugendlichen ein gewissenhafter Umgang mit Ego-Shootern, aber auch mit Medien im Allgemeinen vermittelt werden. Auch Präventionsarbeit der Schule im Bereich Amoklauf ist meiner meiner nach unumgänglich.

Haben Sie sich schon eine Meinung zu Ego-Shootern gebildet? Vielleicht können Ihnen folgende Videos als Hilfestellung hierfür dienen:

Quellen:
1 http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bluttat-von-winnenden-amoklaeufer-verbrachte-abend-vor-der-tat-mit-killerspiel-a-613288.html
2 http://www.neuepresse.de/Nachrichten/Panorama/Uebersicht/Amoklaeufe-nehmen-weltweit-drastisch-zu
3http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bluttat-von-winnenden-amoklaeufer-verbrachte-abend-vor-der-tat-mit-killerspiel-a-613288.html
4 http://www.ingame.de/spiele-news/dianne-feinstein-amoklaeufer-killerspiele/
5 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-22328711.html
6 http://infocafe.org/dossiers/killerspiele/
7 http://www.heise.de/newsticker/meldung/Expertenstreit-ueber-Auswirkungen-von-Killerspielen-auf-Jugendliche-110366.html
8 http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/archiv/2006/ts_20061216/ts_20061216_04
9 http://www.sueddeutsche.de/panorama/ursachen-von-amoklaeufen-was-killer-und-killerspiele-wirklich-miteinander-zu-tun-haben-1.1438225
10 http://www.pcgames.de/Killerspiele-Thema-158840/News/US-Professor-Es-ist-rassistisch-Computerspiele-fuer-den-Massenmord-in-Norwegen-verantwortlich-zu-machen-836671/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s